Zum fünften Mal hatte ich mich beim Chiemgauer 100er angemeldet, und mit etwas Glück auch einen der begehrten Startplätze ergattert. Jetzt ist es soweit.
Also same procedure as last year, Freitag morgens los, auf der A8 beim Chiemsee im Stau stehen, dann aber doch noch vor zwölf im Stadion in Ruhpolding ankommen. Viele Bekannte aus den letzten Jahren sind auch wieder da.
Da die 100-Meilen-Strecke aufgrund einiger Änderungen ein Stückchen schwerer geworden ist, gibt es dieses Jahr die Möglichkeit, schon um 14 Uhr zu starten. Und eigentlich will ich dies in Anbetracht der vorhergesagten Temperaturen auch wahrnehmen. Aber Dirk, mit dem ich vor zwei Jahren schon etliche Kilometer hier gelaufen war, überredet mich, mit ihm erst um 15 Uhr loszulaufen. Dann hole ich meine Startnummer, klatsche die 14-Uhr-Gruppe mit auf den Weg, ziehe mich dann selbst um. Um drei geht es also los.
Dirk und ich sind eigentlich ein gutes Team: er zieht mich auf den ebenen Teilen und den Berg runter, ich ziehe ihn den Berg rauf. Allerdings ist das in Anbetracht der Gesamtstrecke und des doch ziemlich sommerlichen Wetters eine gefährliche Mischung. Den ersten Verpflegungsposten nach 18,5 Kilometer und knapp 700 Höhenmetern erreichen wir nach zwei Stunden - wir sind viel zu schnell unterwegs.
Einige Kilometer später schließt noch Stefan zu uns auf, und es geht als Dreiergruppe weiter. Trails, Forstwege, wunderschöne Ausblicke auf die umliegenden Berge und den Chiemsee.
Irgendwann wird es dann dunkel. An der nächsten Versorgungsstelle bei
Kilometer 52 fülle ich erstmal meine Trinkblase ganz auf. 3 Liter wiegen
zwar, aber ich will nicht riskieren, irgendwann "trocken zu laufen".
Dann folgt der aus den Vorjahren bestens bekannte Anstieg zur Kohleralm, die erstklassige Stimmung an der Kontrollstelle dort oben, von der gleichbleibenden Mannschaft zur kleinen Versorgungsstelle ausgebaut, dann der steile Abstieg. Gut, dass man bis zur Anmeldung für das nächste Jahr diese nächtlich Strapaze immer wieder verdrängt hat.
Inzwischen sind mir die anderen beiden auf den Gefällstrecken der Forstwege, die es auf diesem Abschnitt doch häufiger gibt, zu schnell. Ein leichtes Zwicken im unteren Schienbein lässt mich irgendwann abreißen. Die nächsten 20 Kilometer zurück zum Stadion absolviere ich also alleine. Allerdings muss ich mich dabei doch wesentlich stärker auf die Streckenmarkierungen konzentieren, vor allem, da es in diesem Bereich im Vergleich zu den Vorjahren eine Streckenänderung gibt.
Kurz vor fünf komme ich im Stadion an, ziehe mir ein neues, trockenes Shirt an, lege eine neue Lage Sonnencreme auf, und mache mich auf die nächste Schleife. Meine beiden Mitstreiter sind nur eine viertel Stunde früher los, vielleicht werde ich sie nochmal sehen. Die nächsten 5 Kilometer sind mit 700 positiven Höhenmetern gespickt, und da mache ich ordentlich Dampf, um möglichst weit zu kommen, bevor die Sonne wieder heizt. Vor dem Anstieg zur Hörndlwand treffe ich die beiden wieder, und so sind wir wieder gemeinsam unterwegs. Oben ist der Blick auf Wilden Kaiser und Hohe Tauern phänomenal und entschädigt etwas für den folgenden, schwierigen Abstieg. Unten wartet schon der nächste Versorgungsposten Röthelmoos.
Bei Dirk läuft es nicht mehr ganz rund, und er beschließt, die 129-Kilometer-Option zu wählen (es gibt beim Chiemgauer 100er sowohl auf der 100-Meilen- wie auch der 100-Kilometer-Strecke offizielle Abkürzungsoptionen mit eigener Wertung). Also ziehe ich mit Stefan alleine weiter - beliebige Zeitreserven haben wir auch nicht. Mit jeder Stunde wird es heißer, ab und zu verschafft aber etwas Wind Erleichterung.
Mir geht es inzwischen auch nicht mehr gut, ich habe das Gefühl, auf Reserve zu laufen. An der Versorgungsstelle Maria Eck bei Kilometer 128 versuche ich, bewusst viel zu trinken. Beim Aufbruch sind aber meine Beine fast wie gelähmt, ich schaffe es zunächst nicht einmal, anzutraben. Nach zwei, drei Kilometern geht es aber wieder. Vielleicht ist die Flüssigkeit inzwischen angekommen, wo sie hin muss. Und so laufe ich, so schnell es geht. Schließlich will ich zumindest Stefan die Chance auf die Gesamtstrecke wahren - er hatte letztes Jahr wegen Gewitters auf 141 km abkürzen müssen. Um vier sind wir in Egg, der letzten Kontrollstelle vor dem Hochfelln-Anstieg. Hier ist auf einmal verdrehte Welt. Bei Stefan - der bisher überhaupt kein Problem gehabt hat, welches Tempo meinerseits auch immer mitzugehen - macht sich vermutlich die Hitze in Form von leichtem Schwindelgefühl bemerkbar, und obwohl er sehr gerne die 100-Meilen-Strecke finishen würde, will er den doch etwas alpinen Auf- und Abstieg vorsichtshalber nicht angehen und nimmt die 141-Kilometer-Option. Großen Respekt habe ich vor dem großen Maß an Vernunft, das er hier walten lässt. Mir geht es "den Umständen entsprechend" prächtig - das finde ich beinahe etwas unfair.
Anderthalb Stunden später bin ich auf dem Hochfelln, und nach einer Versorgungspause habe ich massig Zeit, um im Zeitlimit ins Ziel zu gelangen. Den größten Teil der doch zähen Kilometer zurück zum Stadion kann ich noch laufen - bis auf einige Gegenanstiege. Es braut sich noch ein kleines Gewitter zusammen, aber ich habe Glück. Einerseits entkam ich dem Guss, andererseits konnte ich noch ein ganz nettes Bild einfangen.
Die letzten drei Kilometer sind ausgeschildert, und ich schaue auf die Uhr. 20 Minuten habe ich noch, um eine 2 vor der Zeit stehen zu haben. Mich packt nochmal der Ehrgeiz, ich schaffe diese 3 Kilometer wirklich in 17 Minuten und lande bei 29:57 Stunden (hätte aber auch noch 2 Stunden Zeit bis zum Zielschluss). Im Ziel ist mir davon aber doch etwas schwummerig, und ich setze mich erstmal für ein paar Minuten, bevor ich mich über Wurstsemmeln und Weißbier hermache. Isogetränk kann ich jetzt allerdings eine Zeit lang nicht mehr sehen.
So, das war's mal wieder in Ruhpolding. Wie gehabt eine schöne Strecke, eine tolle Organisation, herzliche Helfer, und eigentlich so etwas wie ein großes Familientreffen. Die Erinnerung an die sicher auch durchlebten Strapazen wird schnell verblassen, und ganz vesteckt und leise freue ich mich schon auf nächstes Jahr. So ich mir dann wieder zutrauen darf, solche Strecken zu laufen.
Noch was zu den Bedingungen: ja, warm war's, und mit den für die Gegend angekündigten 35 Grad Celsius sicher kein ideales Laufwetter. Trotzdem möchte ich mit allerlei Superlativen wie "schwierigst", "extrem" oder ähnlichem vorsichtig sein. Ja, es gab ein paar Stellen, an denen einem in der stehenden Hitze beinahe die Luft weggeblieben ist. Aber in der Höhe ging ab und zu auch mal etwas angenehmer Wind. Und durch das anhaltend gute Wetter war die gesamte Strecke praktisch trocken, was sie einfacher zu laufen machte (mag sein, dass man dadurch auch unvorsichtigter wurde, weswegen wohl mehr kleinere Unfälle durch Umknicken vorkamen als in anderen Jahren). Außerdem kann der Körper eine Menge ab, wenn man ihn unterstützt. Ich habe an Brunnen öfter mal Hose und Shirt durchnässt, und insgesamt ziemlich viel getrunken - grob geschätzt dürften 20 bis 25 Liter zusammengekommen sein. Hart ist der Chiemgauer 100er sowieso. Wenn man gesund ist und gut auf die Signale von innen hört, dann ist aber die Schippe, welche die Temperaturen vom Wochenende noch drauflegten, nicht mehr so riesig. Immerhin schaffte Nick Hollon die Strecke in unter 23 Stunden - knapp am alten Streckenreckord vorbei, aber die Änderungen der letzten beiden Jahre machen den Kurs inzwischen ja auch noch ein Stückchen anspruchsvoller (wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob man Nick als Maßstab nehmen sollte - wie der die Hörndlwand runter an mir vorbeiflog war schon außerirdisch).
Sollten sie es zufällig lesen, dann will ich mich hier auch ganz herzlich bei den beiden bedanken, mit denen ich viele Stunden durch's Chiemgau gelaufen bin. Alleine wäre mir das eine ganze Ecke schwerer gefallen.
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Samstag, 27. Juli 2013
Sonntag, 29. Juli 2012
100 Meilen im Chiemgau, gut gewürzt
Trailläufe gibt es inzwischen einige in D-A-CH. Eine ganze Reihe davon in den Alpen. Vor zehn Jahren waren die noch dünn gesät, und so hatte Giselher Schneider in Ruhpolding vor sieben Jahren seine eigene Veranstaltung nach dem Vorbild großer Ultratrails in den USA aus der Taufe gehoben, den Chiemgauer 100er.
2009 war ich zum erstenmal dabei, auf der 100-Kilometer-Strecke. Im Jahr darauf dann nochmal, und letztes Jahr habe ich mich dann an die große Runde getraut. Obwohl ich danach ziemlich fertig war, und noch einige Monate Probleme mit dem Schienbein hatte, wollte ich das dieses Jahr wiederholen. Es braucht etwas Glück, einen Startplatz zu bekommen. Da es mehr Anmeldungen als Plätze gibt, entscheidet das Los. Da die Strecke durch Naturschutzgebiet führt, sind maximal 100 Läufer für die 100-km-Strecke zugelassen, dazu 50 100-Meiler. Persönlich liegt mir der Rummel einiger inzwischen sehr bekannter Läufe im deutschen Alpenraum nicht so, deshalb schätze ich diese eher familiäre Veranstaltung im Chiemgau so sehr.
Also holte ich mir Freitag um zwölf im Stadion bei Ruhpolding die Startnummer ab. Bis eins trudelten noch einige bekannte Gesichter ein, und dann fand auch das Briefing statt. Und das war auch wirklich kurz gehalten. Begrüßung, Erklärung der Streckenmarkierung und ein Hinweis auf die angesagten Gewitter am Samstag. Da die lokale Lage vom Wettkampfbüro aus schwer zu beurteilen sein würde, müsse jeder Läufer selber entscheiden, wo er wartet, weiterläuft, oder eine der offiziellen Abkürzungen nimmt. Blitzschlag sei bekannterweise lebensgefährlich. Es ist ja keiner zum ersten Mal in den Bergen unterwegs. Einige behutsame Streckenänderungen gab es im Vergleich zu den letzten Jahren. Etwas mehr interessante Pfade, dafür weniger Forstweg. Höhenmeter sind dadurch auch noch ein paar dazugekommen, wobei die Angabe wohl bisher schon etwas zu niedrig lag. 7100 sind es nun offiziell.
Hier Start und Ziel mit Blick auf den Rauschberg.
Um 15 Uhr wurde dann mit einem "Los geht's" gestartet. Die 100-Meilen-Läufer können bis 21 Uhr zu jeder vollen Stunde starten. Man kommt nach 86 Kilometern wieder am Stadion an, und kann dann erst um halb fünf morgens auf der dann identischen 100-Kilometer-Strecke weiter, da vorher die Kontroll- und Versorgungsposten noch nicht besetzt sind. Ein großer Teil wählte den frühesten Start, obwohl das bei 30 Grad kein Zuckerschlecken war. Dieses Wetter war sozusagen das Extrasalz in der Ultrasuppe.
Die ersten Kilometer gab es auch nicht viel Schatten. Danach verlief der Kurs teils im Wald, da war es dann etwas angenehmer. Ich fing verhalten an, ließ dann aber den Beinen ihren Lauf. Auf dem Weg zum Zinnkopf sah ich die ersten beiden vor mir. Ein Stückchen nach der ersten Versorgungsstelle bei Kilometer 18 war wir zu zweit, und nach einer Weile war ich dann alleine unterwegs. Die Positionierung hat übrigens überhaupt nichts zu sagen, da die schnellen Läufer später starten, und dann natürlich um die Differenz vorne liegen.
Immer wieder gab es schöne Ausblicke auf die umliegenden Berge.
Bei den Bäumen ist ein Kontrollpunkt versteckt.
Der nächste Checkpoint an der Stoißer Alm. Es wird langsam abend.
Auf dem Weg nach Adlgaß, der nächsten Versorgungsstelle bei Kilometer 52, wurde es dunkel, und die Stirnlampe kam zum Einsatz. In Adlgaß hoffte ich auf die nachfolgenden Läufer, da ich eigentlich nicht alleine durch die Nacht laufen wollte. Aber nach 20 Minuten ausgiebiger Versorgung war außer der tollen Helfertruppe immer noch niemand zu sehen, und so lief ich eben weiter. Der Aufstieg zur Kohleralm kam mir länger vor als letztes Jahr. Wie schnell man solche Anstrengung doch vergisst. Die Stimmung dort oben war aber genauso toll, und ich wurde mit allem versorgt, was ich mir wünschen konnte: Wasser, Isogetränk, heiße Brühe, gekochte Kartoffeln, und sogar mit Taschenlampenbegleitung zum Anfang des nicht ganz einfachen Abstiegs. Man muss wissen, dass sämtliches Material hierher getragen werden muss.
Allen Helfern, die sich für uns Läufer teilweise die ganze Nacht auf einsamen Hütten herumschlagen, sei die laue Sommernacht von Herzen gegönnt. Zum Laufen waren aber selbst die etwa 20 Grad noch zu warm, und viel weiter sank das Thermometer auch nicht an den höchsten Punkten. Trotzdem lief es einigermaßen rund bei mir, und so kam ich auch an den nächsten Kontrollstellen noch als erster durch. Früh genug, um einmal der Besatzung eine halbe Flasche Bier weg zutrinken. Danke schön ;)!
Die Trockenheit machte den teilweise absturzgefährdeten Pfad unter dem Rauschberg etwas einfacher. Konzentrieren musste man sich natürlich trotzdem. Danach rollte es entspannt auf Forstwegen ins Stadion, wo ich kurz vor dem Start der 100-Kilometer-Läufer eintraf. Nach ausgiebiger Verpflegung und Schuh- und Sockenwechsel machte ich mich kurz nach fünf dann auf die zweite Runde. Inzwischen waren auch zwei weitere 100-Meilen-Läufer im Stadion eingetroffen.
Der nächste Anstieg war gleich wieder knackig, und im oberen, steilen Stück zeigte die Sonne schon wieder, dass sie auch noch da war. Musste denn das Wetter schon wieder so schön werden? 600 Höhenmeter weiter überholten mich dann die späteren 100-Meilen-Sieger, die erst um 18 Uhr gestartet waren. Die beiden liefen hintereinander her wie einstudiert, und nichts zeigte mir, dass sie schon 12 Stunden, über 90 Kilometer und beinahe 4000 Höhenmeter in den Beinen hatten. Selber fühlte ich mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr ganz frisch.
Der Blick rüber zur Hörndlwand verhieß auch nichts Gutes.
Was sich, nach etwas anspruchsvollem Auf und Ab dort angekommen, dann auch bewahrheitete. Der steile Aufstieg zum Joch unter der Hörndlwand ist perfekt zur Morgensonne ausgerichtet, und zwischen den Latschen und im Geröllfeld kam ich mir schon wieder vor wie ein Grillhendl.
Endlich oben. Perfekter Blick auf den Wilden Kaiser. Einige Helfer haben ein paar Kanister Wasser hier hochgeschleppt.
Der berüchtigte Abstieg auf der anderen Seite war angenehm trocken, und das senkte die Wahrscheinlichkeit, sich schmerzhaft auf den Hintern zu setzen. Etwas Gutes musste die Bruthitze ja auch haben. Die nächste große Versorgungsstelle folgte bei Kilometer 103, dann wieder Kilometer- und Höhenmetersammeln mal auf Forstwegen, mal auf Single Trails. Der Tag wurde immer heißer, ich wurde immer langsamer, und kam mit dem Trinken kaum nach.
Ein besonderes Schmankerl war der Aufstieg über die steile Skipiste nach der Versorgungsstelle bei Kohlstatt. Die Sonne knallte in die teilweise schulterhoch gewachsene Wiese, und das Klima konnte mit dem Tropenhaus im Münchner Zoo leicht konkurrieren.
Eines der neuen Streckenstücke verlief auf einem der vermutlich seltenen Wege, auf denen man auch nach mehreren Tagen Trockenheit noch bis zum Knöchel im Morast versinken konnte. Kleiner Gruß vom Rennchef sozusagen. Kleiner Fluch zurück, als der Schuh beinahe im Schlamm stecken blieb ;).
Auf dem Weg zum letzten Kontrollpunkt vor dem Hochfelln-Finale lag ich noch gut in der Zeit. Als dann der Himmel aber binnen Minuten finster wurde, machte ich mich langsam mit dem Gedanken an die 141-Kilometer-Abkürzung vertraut. Als das Unwetter kam, blieb das Gewitter zwar auf den Bergkämmen hängen, aber die begleitende Schleußenöffnung bekam ich voll mit. Trotz Regenjacke wartete ich das Schlimmste unter dem Dach eines kleinen Häuschens ab, dann marschierte ich hoch zum Kontrollpunkt Egg.
Dort tröpfelte es noch leicht, das Gewitter hatte sich verzogen. Ein Blick auf das Regenradar auf dem Smartphone eines freundlichen Helfes zeigte auch keine weiteren Zellen in drohender Nähe, ich lag noch gut in der Zeit, und auch meine Stimmung war wieder ganz in Ordnung. Anderthalb Stunden, gut 6 Kilometer und 800 Höhenmeter später war ich auf dem Hochfelln. Die Luft war frisch und klar, Wolkenfetzen hingen in den benachbarten Bergen. Leider nahm ich mir keine Zeit zum Fotografieren, sondern machte mich nach kurzer Verpflegung gleich wieder auf den Weg nach unten. Dieses technisch wahrscheinlich anspruchsvollste Stück der ganzen Strecke kam mir diesmal gar nicht so schwer vor. Die 15 verbleibenden Kilometer Forstweg ins Ziel zogen sich allerdings so zäh wie üblich, und die Gegenanstiege machten das nicht besser. Wenige Kilometer vor dem Ziel kamen dann noch schmerzhafte Signale von der Achillessehne, und ich verlegte mich vorsichtshalber aufs Marschieren.
Kurz nach halb zehn lief ich im Flutlicht durch den Bogen. Begrüßung durch Rennchef Giselher Schneider persönlich wie bei jedem Läufer, essen, essen, essen, trinken, trinken, trinken. Duschen und unter der überdachten Zuschauertribüne in den Schlafsack.
Am nächsten Tag war dann noch die Siegerehrung. Keine Afterrun-Party, eher eine Art Familienfest. Siebter wurde ich von den 10 100-Meilen-Finishern, und mit meiner Zeit von etwas über 30 1/2 Stunden bin ich doch sehr zufrieden. Die Bedingungen hatten ihren Tribut gefordert. Einige haben die "Abkürzungen" auf 129 und 141 Kilometer gewählt. Fast die Hälfte musste aussteigen. Vor denen habe ich - natürlich außer vor den unermüdlichen, tollen Helfern - den größten Respekt. Jeder wusste, wie weit er gehen konnte, und wann es Zeit war, aufzuhören. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass ich bei einer so tollen, erfahrenen Truppe mitlaufen durfte. Auch auf der 100-km-Strecke hatte das Wetter gewirkt. Zwei Favoriten bei den Herren sind wegen der Hitze bei Kilometer 42 ausgestiegen. Trotzdem wurden viele tolle Ergebnisse erlaufen.
Wie schon in den letzten Jahren war der Chiemgauer 100er für mich das läuferische Highlight des Jahres. Eine prächtige Stimmung, eine tolle Organisation. Und ich habe es sonst noch nirgends erlebt, dass viele Läufer am Morgen direkt nach so einem Ding schon genau wissen, dass sie nächstes Jahr wieder dabei sein wollen.
Eine große Überraschung kam für mich dann noch zum Schluss. Wie immer werden die gestifteten Preise unter den Läufern verlost. Da sind Sonnenbrillen dabei, Laufrucksäcke, und auch sonst allerhand Nützliches. Einer der schönsten Preise ist ein Tandemflug mit dem Gleitschirm vom Hochfelln. Und ausgerechnet bei dem wird meine Startnummer gezogen. Ich werde das Chiemgau also bald noch einmal besuchen.
Unter www.chiemgauer100.de gibt es in der Sparte "Imperssionen" noch Links zu weiteren Berichten und vielen Fotos.
2009 war ich zum erstenmal dabei, auf der 100-Kilometer-Strecke. Im Jahr darauf dann nochmal, und letztes Jahr habe ich mich dann an die große Runde getraut. Obwohl ich danach ziemlich fertig war, und noch einige Monate Probleme mit dem Schienbein hatte, wollte ich das dieses Jahr wiederholen. Es braucht etwas Glück, einen Startplatz zu bekommen. Da es mehr Anmeldungen als Plätze gibt, entscheidet das Los. Da die Strecke durch Naturschutzgebiet führt, sind maximal 100 Läufer für die 100-km-Strecke zugelassen, dazu 50 100-Meiler. Persönlich liegt mir der Rummel einiger inzwischen sehr bekannter Läufe im deutschen Alpenraum nicht so, deshalb schätze ich diese eher familiäre Veranstaltung im Chiemgau so sehr.
Also holte ich mir Freitag um zwölf im Stadion bei Ruhpolding die Startnummer ab. Bis eins trudelten noch einige bekannte Gesichter ein, und dann fand auch das Briefing statt. Und das war auch wirklich kurz gehalten. Begrüßung, Erklärung der Streckenmarkierung und ein Hinweis auf die angesagten Gewitter am Samstag. Da die lokale Lage vom Wettkampfbüro aus schwer zu beurteilen sein würde, müsse jeder Läufer selber entscheiden, wo er wartet, weiterläuft, oder eine der offiziellen Abkürzungen nimmt. Blitzschlag sei bekannterweise lebensgefährlich. Es ist ja keiner zum ersten Mal in den Bergen unterwegs. Einige behutsame Streckenänderungen gab es im Vergleich zu den letzten Jahren. Etwas mehr interessante Pfade, dafür weniger Forstweg. Höhenmeter sind dadurch auch noch ein paar dazugekommen, wobei die Angabe wohl bisher schon etwas zu niedrig lag. 7100 sind es nun offiziell.
Hier Start und Ziel mit Blick auf den Rauschberg.
Um 15 Uhr wurde dann mit einem "Los geht's" gestartet. Die 100-Meilen-Läufer können bis 21 Uhr zu jeder vollen Stunde starten. Man kommt nach 86 Kilometern wieder am Stadion an, und kann dann erst um halb fünf morgens auf der dann identischen 100-Kilometer-Strecke weiter, da vorher die Kontroll- und Versorgungsposten noch nicht besetzt sind. Ein großer Teil wählte den frühesten Start, obwohl das bei 30 Grad kein Zuckerschlecken war. Dieses Wetter war sozusagen das Extrasalz in der Ultrasuppe.
Die ersten Kilometer gab es auch nicht viel Schatten. Danach verlief der Kurs teils im Wald, da war es dann etwas angenehmer. Ich fing verhalten an, ließ dann aber den Beinen ihren Lauf. Auf dem Weg zum Zinnkopf sah ich die ersten beiden vor mir. Ein Stückchen nach der ersten Versorgungsstelle bei Kilometer 18 war wir zu zweit, und nach einer Weile war ich dann alleine unterwegs. Die Positionierung hat übrigens überhaupt nichts zu sagen, da die schnellen Läufer später starten, und dann natürlich um die Differenz vorne liegen.
Immer wieder gab es schöne Ausblicke auf die umliegenden Berge.
Bei den Bäumen ist ein Kontrollpunkt versteckt.
Der nächste Checkpoint an der Stoißer Alm. Es wird langsam abend.
Auf dem Weg nach Adlgaß, der nächsten Versorgungsstelle bei Kilometer 52, wurde es dunkel, und die Stirnlampe kam zum Einsatz. In Adlgaß hoffte ich auf die nachfolgenden Läufer, da ich eigentlich nicht alleine durch die Nacht laufen wollte. Aber nach 20 Minuten ausgiebiger Versorgung war außer der tollen Helfertruppe immer noch niemand zu sehen, und so lief ich eben weiter. Der Aufstieg zur Kohleralm kam mir länger vor als letztes Jahr. Wie schnell man solche Anstrengung doch vergisst. Die Stimmung dort oben war aber genauso toll, und ich wurde mit allem versorgt, was ich mir wünschen konnte: Wasser, Isogetränk, heiße Brühe, gekochte Kartoffeln, und sogar mit Taschenlampenbegleitung zum Anfang des nicht ganz einfachen Abstiegs. Man muss wissen, dass sämtliches Material hierher getragen werden muss.
Allen Helfern, die sich für uns Läufer teilweise die ganze Nacht auf einsamen Hütten herumschlagen, sei die laue Sommernacht von Herzen gegönnt. Zum Laufen waren aber selbst die etwa 20 Grad noch zu warm, und viel weiter sank das Thermometer auch nicht an den höchsten Punkten. Trotzdem lief es einigermaßen rund bei mir, und so kam ich auch an den nächsten Kontrollstellen noch als erster durch. Früh genug, um einmal der Besatzung eine halbe Flasche Bier weg zutrinken. Danke schön ;)!
Die Trockenheit machte den teilweise absturzgefährdeten Pfad unter dem Rauschberg etwas einfacher. Konzentrieren musste man sich natürlich trotzdem. Danach rollte es entspannt auf Forstwegen ins Stadion, wo ich kurz vor dem Start der 100-Kilometer-Läufer eintraf. Nach ausgiebiger Verpflegung und Schuh- und Sockenwechsel machte ich mich kurz nach fünf dann auf die zweite Runde. Inzwischen waren auch zwei weitere 100-Meilen-Läufer im Stadion eingetroffen.
Der nächste Anstieg war gleich wieder knackig, und im oberen, steilen Stück zeigte die Sonne schon wieder, dass sie auch noch da war. Musste denn das Wetter schon wieder so schön werden? 600 Höhenmeter weiter überholten mich dann die späteren 100-Meilen-Sieger, die erst um 18 Uhr gestartet waren. Die beiden liefen hintereinander her wie einstudiert, und nichts zeigte mir, dass sie schon 12 Stunden, über 90 Kilometer und beinahe 4000 Höhenmeter in den Beinen hatten. Selber fühlte ich mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr ganz frisch.
Der Blick rüber zur Hörndlwand verhieß auch nichts Gutes.
Was sich, nach etwas anspruchsvollem Auf und Ab dort angekommen, dann auch bewahrheitete. Der steile Aufstieg zum Joch unter der Hörndlwand ist perfekt zur Morgensonne ausgerichtet, und zwischen den Latschen und im Geröllfeld kam ich mir schon wieder vor wie ein Grillhendl.
Endlich oben. Perfekter Blick auf den Wilden Kaiser. Einige Helfer haben ein paar Kanister Wasser hier hochgeschleppt.
Der berüchtigte Abstieg auf der anderen Seite war angenehm trocken, und das senkte die Wahrscheinlichkeit, sich schmerzhaft auf den Hintern zu setzen. Etwas Gutes musste die Bruthitze ja auch haben. Die nächste große Versorgungsstelle folgte bei Kilometer 103, dann wieder Kilometer- und Höhenmetersammeln mal auf Forstwegen, mal auf Single Trails. Der Tag wurde immer heißer, ich wurde immer langsamer, und kam mit dem Trinken kaum nach.
Ein besonderes Schmankerl war der Aufstieg über die steile Skipiste nach der Versorgungsstelle bei Kohlstatt. Die Sonne knallte in die teilweise schulterhoch gewachsene Wiese, und das Klima konnte mit dem Tropenhaus im Münchner Zoo leicht konkurrieren.
Eines der neuen Streckenstücke verlief auf einem der vermutlich seltenen Wege, auf denen man auch nach mehreren Tagen Trockenheit noch bis zum Knöchel im Morast versinken konnte. Kleiner Gruß vom Rennchef sozusagen. Kleiner Fluch zurück, als der Schuh beinahe im Schlamm stecken blieb ;).
Auf dem Weg zum letzten Kontrollpunkt vor dem Hochfelln-Finale lag ich noch gut in der Zeit. Als dann der Himmel aber binnen Minuten finster wurde, machte ich mich langsam mit dem Gedanken an die 141-Kilometer-Abkürzung vertraut. Als das Unwetter kam, blieb das Gewitter zwar auf den Bergkämmen hängen, aber die begleitende Schleußenöffnung bekam ich voll mit. Trotz Regenjacke wartete ich das Schlimmste unter dem Dach eines kleinen Häuschens ab, dann marschierte ich hoch zum Kontrollpunkt Egg.
Dort tröpfelte es noch leicht, das Gewitter hatte sich verzogen. Ein Blick auf das Regenradar auf dem Smartphone eines freundlichen Helfes zeigte auch keine weiteren Zellen in drohender Nähe, ich lag noch gut in der Zeit, und auch meine Stimmung war wieder ganz in Ordnung. Anderthalb Stunden, gut 6 Kilometer und 800 Höhenmeter später war ich auf dem Hochfelln. Die Luft war frisch und klar, Wolkenfetzen hingen in den benachbarten Bergen. Leider nahm ich mir keine Zeit zum Fotografieren, sondern machte mich nach kurzer Verpflegung gleich wieder auf den Weg nach unten. Dieses technisch wahrscheinlich anspruchsvollste Stück der ganzen Strecke kam mir diesmal gar nicht so schwer vor. Die 15 verbleibenden Kilometer Forstweg ins Ziel zogen sich allerdings so zäh wie üblich, und die Gegenanstiege machten das nicht besser. Wenige Kilometer vor dem Ziel kamen dann noch schmerzhafte Signale von der Achillessehne, und ich verlegte mich vorsichtshalber aufs Marschieren.
Kurz nach halb zehn lief ich im Flutlicht durch den Bogen. Begrüßung durch Rennchef Giselher Schneider persönlich wie bei jedem Läufer, essen, essen, essen, trinken, trinken, trinken. Duschen und unter der überdachten Zuschauertribüne in den Schlafsack.
Am nächsten Tag war dann noch die Siegerehrung. Keine Afterrun-Party, eher eine Art Familienfest. Siebter wurde ich von den 10 100-Meilen-Finishern, und mit meiner Zeit von etwas über 30 1/2 Stunden bin ich doch sehr zufrieden. Die Bedingungen hatten ihren Tribut gefordert. Einige haben die "Abkürzungen" auf 129 und 141 Kilometer gewählt. Fast die Hälfte musste aussteigen. Vor denen habe ich - natürlich außer vor den unermüdlichen, tollen Helfern - den größten Respekt. Jeder wusste, wie weit er gehen konnte, und wann es Zeit war, aufzuhören. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass ich bei einer so tollen, erfahrenen Truppe mitlaufen durfte. Auch auf der 100-km-Strecke hatte das Wetter gewirkt. Zwei Favoriten bei den Herren sind wegen der Hitze bei Kilometer 42 ausgestiegen. Trotzdem wurden viele tolle Ergebnisse erlaufen.
Wie schon in den letzten Jahren war der Chiemgauer 100er für mich das läuferische Highlight des Jahres. Eine prächtige Stimmung, eine tolle Organisation. Und ich habe es sonst noch nirgends erlebt, dass viele Läufer am Morgen direkt nach so einem Ding schon genau wissen, dass sie nächstes Jahr wieder dabei sein wollen.
Eine große Überraschung kam für mich dann noch zum Schluss. Wie immer werden die gestifteten Preise unter den Läufern verlost. Da sind Sonnenbrillen dabei, Laufrucksäcke, und auch sonst allerhand Nützliches. Einer der schönsten Preise ist ein Tandemflug mit dem Gleitschirm vom Hochfelln. Und ausgerechnet bei dem wird meine Startnummer gezogen. Ich werde das Chiemgau also bald noch einmal besuchen.
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